Luzerner Theater, Première Tanz 30: Orfeo ed Euridice, 23. Februar 2019

Produktionsteam und Besetzung:

Inszenierung: Marcos Morau Choreographie: Marcos Morau, Marina Rodríguez Musikalische Leitung: Alexander Sinan Binder Bühne: Blanca Añón Kostüme: Silvia Delagneau Licht: David Hedinger-Wohnlich Choreinstudierung: Mark Daver Dramaturgie: Selina Beghetto, Rebekka Meyer

Diana Schnürpel (Euridice) Abigail Levis (Orfeo) Kathrin Hottiger (Amor) Tanz Luzerner Theater: Zach Enquist, Carlos Kerr Jr., Aurélie Robichon, Tom van de Ven, Andrea Thompson, Giovanni Insaudo, Sandra Salietti, Valeria Marangelli, Louis Steinmetz, Janne Boere, Francesco Morriello, Hayleigh Smillie, Emelie Söderström Chor des LT Luzerner Sinfonieorchester

Rezension:

Die künstlerische Leiterin «Tanz Luzerner Theater» Kathleen Mc Nurney hat sich zu ihrem 10-Jahre-Jubiläum selber ein Geschenk gemacht: Das spartenübergreifende Projekt «Orfeo ed Euridice». Tänzerinnen und Tänzer stehen zusammen mit drei Sängerinnen und dem Chor des Luzerner Theaters auf der Bühne, im Orchestergraben dirigiert Alexander Sinan Binder das Luzerner Symphonieorchester. Choreograf ist der Katalane Marcos Morau mit seiner ganz eigenen Tanzsprache und seiner Interpretation der Geschichte des trauernden Orpheus, der seine zweite Chance nicht nutzt und seine geliebte Eurydike darum ein zweites Mal und definitiv verliert.

Unglaubliches Farbenmeer

Morau setzt die Oper in die Gegenwart und gestaltet die Trauerfeier um Eurydike im ersten Akt als festlich-farbige Zeremonie, wie sie in östlichen Ländern bei Begräbnissen üblich ist. Das beschert den Zuschauern ein Farbenmeer ohnegleichen. Tänzerinnen und Tänzer tragen alle dasselbe Kostüm: lange schwingende Rücke mit Blumenmustern, die an östliche Trachten erinnern, farblich aber auch südamerikanische Fröhlichkeit ausstrahlen. Auch Orpheus (eine überzeugende Abigail Levis mit klarem, weichen Mezzosopran) und Amore (Kathrin Hottiger) tragen dasselbe Kostüm, mit zusätzlich kunstvollen weissen Hauben.

Die Tänzer agieren praktisch nur in der Gruppe. Morau sieht sie als Brücke zu den drei Hauptfiguren. So scharen sie sich um Orpheus, umringen ihn, dann wieder schwirren sie wie Derwische über die Bühne mit wehenden Röcke wie Glocken. Meist bilden sie aber eine Linie, stehen, sitzen, liegen in einer Reihe, ihre Arme verbinden sich, wellenförmig fliessend, öffnen und schliessen sich schlangenförmig. Ungeahnte Formen werden möglich, ganz neue Bewegungsabläufe entstehen, oft weiss man nicht, wo der eine Tänzer anfängt und der andere aufhört. Dann wieder finden sie sich in einem einzigen farbigen Knäuel und entwinden sich, langsam, ein Arm nach dem anderen, ein Bein nach dem anderen, faszinierend, neu, anders. Das verlangt höchste Präzision und eine unglaubliche Synchronizität. Und mit den farbenfrohen Kostümen, den blau-weiss gestreiften Ärmeln und geringelten Strümpfen hat das etwas Märchenhaftes und wunderbar Leichtes. Dazu Glucks barocke Melodien, das verzaubert und entlässt einen mit einem Lächeln in die Pause.

Sterile Supermarktwelt

Nach der Pause allerdings ist fertig mit Lebenslust und Freude. Orpheus steigt in die Unterwelt, bei Morau ist das ein Supermarkt, dort arbeitet Eurydike (Diana Schnürpel). Auch hier tragen alle dasselbe, Tänzer wie Chor, aber jetzt sind es grüne Uniformen, die an Spitalkleidung erinnern. Überhaupt ist da alles klinisch rein und sauber. Kappen und Brillen verstärken den uniformen Eindruck, man erkennt kaum noch Gesichter. Immer wieder werden weisse Pakete gestapelt, aufgetürmt, herumgetragen, verschoben. Die Bewegungen scheinen oft ferngesteuert, mechanisch, wie Roboter schieben sich Tänzerinnen und Tänzer mit eckigen, schlaksigen Bewegungen über die Bühne. Das ist durchaus faszinierend, steht aber im krassen Gegensatz zur lieblichen Musik Glucks.

Es kommt wie es eben kommt in dieser Geschichte: Orpheus findet zwar seine Eurydike und will mit ihr – und einem Einkaufswagen voller Pakete – die Unterwelt verlassen, gibt aber ihrem Drängen nach und um ihre Zweifel zu zerstreuen, dreht er sich zu ihr um – und verliert sie ein zweites Mal und für immer hinter einer Glastüre, die langsam vernebelt und sie nach und nach verschwinden lässt.

Neue Sicht aufs Tanzensemble

Ein spannendes Projekt, Tanz und Gesang so gekonnt zu vermischen, aber es besteht die leise Gefahr, dass man sich ab und an so auf den Tanz konzentriert, dass dabei der Gesang etwas aussen vor bleibt. Dabei überzeugen die drei Solistinnen durchwegs. Spannend auch, das Tanz-Ensemble einmal mehr von einer neuen Seite kennen zu lernen.

Das Premierenpublikum war begeistert, dankte mit langanhaltendem Applaus und einer Standing Ovation.

Kleine Fotodiashow von Gregory Batardon:

fotogalerien.wordpress.com/2019/02/22/luzerner-theater-premiere-tanz-30-orfeo-ed-euridice-23-februar-2019-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

Fotos:Gregory Batardon     luzernertheater.ch

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