Bregenzer Festspiele, “Rigoletto” auf der Seebühne, 25. Juli 2019

Seebühne Bregenz Rigoletto Foto Anja Koehler

Musikalische Leitung Enrique Mazzola
Inszenierung
Philipp Stölzl
Bühne
Philipp Stölzl, Heike Vollmer
Kostüme
Kathi Maurer
Licht
Georg Veit, Philipp Stölzl
Stunt- und Bewegungsregie
Wendy Hesketh-Ogilvie
Mitarbeit Regie ​
Philipp M. Krenn
Chorleitung
Lukáš Vasilek | Benjamin Lack
Dramaturgie
Olaf A. Schmitt

Der Herzog von Mantua Stephen Costello
Rigoletto​ Vladimir Stoyanov
Gilda ​ Mélissa Petit
Sparafucile ​ Miklós Sebestyén​
Maddalena | Giovanna ​ Katrin Wundsam ​
Der Graf von Monterone​ Kostas Smoriginas
Marullo​ Wolfgang Stefan Schwaiger
Borsa ​ Paul Schweinester ​
Der Graf von Ceprano Jorge Eleazar
Die Gräfin  Léonie Renaud​
Page David Kerber

Kinder, Stuntmen, Statisten

Wiener Symphoniker​

Bregenzer Festspielchor
Prager Philharmonischer Chor

Wired Aerial Theatre
Bühnenmusik in Kooperation mit dem Vorarlberger Landeskonservatorium

 

Rezension:

Rigoletto Foto Karl Forster

Bregenz, das sind nicht nur eine spektakuläre Bühne und aufsehenerregende Inszenierungen, es sind auch tausende von Besuchern, die sich allabendlich friedlich über die Tribüne verteilen, tausende von Köpfen, ein Meer ohne Lücken auf der ausverkauften Tribüne. Das ist, an diesem Donnerstagabend, der Sonnenuntergang über dem See und die unglaublichen Farben, die dieser sehr heisse Sommerabend aufs Wasser zaubert. Das sind die Boote, die sich langsam hinter der Seebühne positionieren, die Lichter Lindaus, die vorübergehend gleissend in der Ferne aufleuchten, der Tanz der Mücken im Scheinwerferlicht, Schatten, die später in der Dunkelheit geräuschlos übers Wasser gleiten, Lichter, die aufblitzen und wieder erlöschen. Und dieses Jahr zusätzlich die Hitze, die in Wellen bis spät in die Nacht über die Zuschauer schwappt, mit ab und an einer ganz leichten, kaum merklichen Brise, versetzt mit dem Geruch von Mückenschutzmitteln. Das alles gibt es zusätzlich und kostenfrei zur Aufführung auf der Seebühne.

Taschentücher bereithalten

Rigoletto Foto Karl Forster

Dieses Jahr wird «Rigoletto» aufgeführt, zum ersten Mal auf der Seebühne und in einer Produktion (Inszenierung und Bühne Philipp Stölzl), die jene der Vorjahre vor allem in technischer Hinsicht noch übertrifft. Ein riesiger Kopf, der sich in allen Richtungen dreht und neigt, Augen öffnet und schliesst, leise lächelt oder den Mund vor Schrecken aufreisst. Und zwei Hände, die aus dem Wasser ragen. Die Rechte mit einem riesigen Ballon, die Linke anfänglich übers Wasser geneigt als wollte sie dieses kitzeln. Aber sie zeigt auch mal den Mittelfinger, öffnet und schliesst, dreht und wendet sich.

Rigoletto Foto Anja Köhler

Die Handlung ist ins Zirkusmilieu versetzt, Artisten unterhalten die Zuschauer bereits vor Beginn der Oper mit Musik und Kunststücken in den Rängen. Auf der Bühne – der Kragen des Clowns – putzen ein paar Zirkus-Angestellte in roten Uniformen die Arena, schlagen Saltos, vergnügen sich. Dann erscheint hoch oben auf dem Kopf ein Gaukler, begrüsst die Zuschauer, gibt den 6800 Besuchern eine letzte Chance, per Handy ein Bild zu machen, «avete pronto i fazzoletti», fragt er noch in seinem Kauderwelsch, wünscht viel Vergnügen und taucht ab.

Fantastische Farbsymphonie

Dann erklingen die ersten dramatischen Noten der Ouvertüre über die Weite des Sees, ein magischer Augenblick und nicht der letzte dieses Abends. Von links erscheint Rigoletto im gelb-grün gestreiften Kostüm. Er hängt an einem Seil über dem blau-goldenen Wasser, das Abendrot kitschig intensiv, eine unglaubliche Farbsymphonie von einer ausserordentlichen Leuchtkraft. Rigoletto strampelt, versucht vorwärts zu kommen, das hat je länger je mehr etwas Mühsames, Verzweifeltes an sich, schlussendlich purzelt er in den See. Spätestens da wird auch jenen, die die Geschichte nicht kennen, klar, dass das nicht gut ausgehen wird mit ihm. Denn Rigoletto, der Hofnarr, hilft zwar dem Herzog von Mantua bei seinen Liebeseskapaden, ist aber verzweifelt bemüht, seine eigene Tochter Gilda vor ihm zu schützen. Schlussendlich liefert er sie nach etlichen Wirrungen ungewollt selber ans Messer des Auftragsmörders Sparafucile, welchen er doch eigentlich mit dem Mord des Herzogs beauftragt hatte.

Übertragene Emotionen

Rigoletto Foto Anja Köhler

Der riesige Clownkopf, anfänglich mit geschlossenen Augen und enigmatisch lächelnd, übertragt sozusagen Rigolettos Mimik, welche der Zuschauer aus der Ferne nur erahnen kann. Staunend und selbstzufrieden folgt er dem Geschehen mit seinen grossen Augen, strahlt beim Anblick Gildas, aber mit zunehmender Dramatik wird sein Ausdruck grimmiger, fratzenhafter, bedrohlicher. Am Ende bleibt lediglich noch eine Art Totenkopf mit leeren Augenhöhlen, die Augäpfel schwimmen im See, die Nase ist abgerissen, ein Teil der Zähne fehlt. Mit Entsetzen starrt er mit aufgerissenem Mund der im Ballon in den Nachthimmel entschwindenden Gilda.

Viel Spektakel

Auf der Bühne ist viel los, sehr viel. Das geht sehr lange sehr gut, sie ist riesig und verträgt die Farbigkeit der Zirkusleute, der Akrobaten und herumturnenden Affen. Ab und an entstehen so wunderbare Bildkompositionen. Auch die leisen Töne haben Platz. Wenn Rigoletto mit Gilda allein auf der Bühne steht, hat das trotz der Dimensionen etwas sehr Intimes. Lediglich die Szene in der Schenke überfordert. Der Herzog stolziert peitschenknallend zwischen vielbrüstigen Frauen herum, an Seilen baumeln vier von ihnen von den Holzfingern herunter und vollführen eine Art erotisch-anzüglichen Tanz, während der Herzog «La Donne è mobile» singt. Puppets on a string? SM-Gebaren? #MeToo? Oder alles zusammen? Was auch immer, zu viel des Guten und schwierig, sich da noch auf die Musik zu konzentrieren.

Rigoletto Foto Anja Köhler

Trotzdem, die Inszenierung begeistert, es gibt viele symbolträchtige Szenen und die Bilder werden immer magischer mit der voranschreitenden Nacht, wenn die ganze Maschinerie sich im Dunkeln verliert und die Stahlwippe unsichtbar wird. Märchenhaft die blondgelockte Gilda auf ihrer Schaukel, eine Alice im Wunderland in ihrem hellblauen Tüllkleid mit den roten Schuhen, atemberaubend der Herzog in schwindelerregender Höhe in der Hängematte, Klamauk pur, wenn reihenweise Akrobaten in den See purzeln.

Unglaubliche Performance

Rigoletto Foto Karl Forster

Die Sängerinnen und Sänger leisten Grossartiges und begeistern durchgehend. Vladimir Stoyanov gibt einen ausdrucksstarken Rigoletto, anfänglich verschlagener Narr, dann leidenschaftlich liebender, leidender Vater. Stephen Costello überzeugt als Herzog von Mantua, Don Giovanni-hafter Verführer und frauenverzehrender Wüstling. Überstrahlt werden aber alle von Mélissa Petit als Gilda! Wie sie mit ihrer wunderbar klaren Stimme auf den riesigen Holzfingern herumtanzend und im Ballon in luftiger Höhe auf dem Korb sitzend mit spielender Leichtigkeit ihre Arien darbietet ist einmalig. Keine Unsicherheit, kein falscher Ton, leichtfüssige Koloraturen, das erzeugte trotz Sommerhitze Gänsehaut pur während ihrer Arie «Caro Nome».

Rigoletto Foto Karl Forster

Die Wiener Symphoniker unter Enrique Mazzola bringen Schwung in die wunderbaren Melodien Verdis, begleiten sorgfältig, differenziert und ausbalanciert.

Rigoletto in Bregenz, ein Erlebnis der ganz besonderen Art, das man nicht verpassen sollte. Leider gibt es nur noch ganz wenige Restkarten für dieses Jahr. Wiederaufnahme im Jahr 2020.

Kleine Fotodiashow der Produktion von Anja Köhler und Karl Forster:

fotogalerien.wordpress.com/2019/07/28/seebuehne-bregenz-rigoletto-fotodiashow-von-anja-koehler-und-karl-forster/

 

Fotos: bregenzerfestspiele.com/de

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