Luzerner Theater: Cantos de Sirena Musiktheater von «La Fura dels Baus», veröffentlicht auf www.innerschweizonline.ch und www.bochumer-zeitung.net

CantosTeaser

 

Luzerner Sinfonieorchester

Kompositionen, Bearbeitungen und musikalische Leitung Howard Arman

Inszenierung Carlus Padrisssa

Bühne und Klangmaschinen Roland Olbeter

Kostüme Chu Oroz

Choreografie Sandra Marín Garcia

Licht Mariella von Vequel-Westernach

Dramaturgie Marc Rosich

Das Grundthema von «Cantos de Sirena» liegt in der Faust-Sage. Der Librettist Marc Rosich fasst wie folgt zusammen: «Unser Faust ist ein Künstler (…) er steckt in einer künstlerischen Sackgasse. Deswegen will er sein Leben beenden.

Dann aber vernimmt er eine innere Stimme, die ihn zurückhält und zu einem Kunstschaffen mit und für sich selbst verlockt. So begibt sich Faust auf einen künstlerischen Ego-Trip, in dessen Verlauf er nicht nur seinen Körper zum Kunstobjekt macht, sondern sogar einen Geschlechtswandel vollzieht und zu einer Frau wird.»

Für dieses Spektakel wählte Howard Arman, Dirigent des LSO, Arien von Vivaldi, Händel, Purcell, Monteverdi und anderen, arrangierte und verband sie mit eigenen Neukompositionen und vereinte so Musik aus drei Jahrhunderten. Das Kammerorchester ist erweitert durch Gitarre, Akkordeon, Harfe, Klavier und Cembalo. Dazu kommen die elektronischen Klangmaschinen von Roland Olbeter, welche auch optisch ins Bühnenbild eingebaut sind.

Rosich übertitelt die Produktion «Cantos de Sirena» mit «Gesang und Spektakel» und will mit diesem Stück die Schranken zwischen Bühne und Zuschauerraum einreissen und die Oper aus der Zurücklehnzone vor der Guckkastenbühne herausholen. Das und viel mehr passiert dann auch im Bauch des Verkehrshauses Luzern, wenn man sich eingerichtet hat auf seinem Flugzeugsitz. Was den Zuschauern in den knapp zwei Stunden geboten wird, hat nichts mehr zu tun mit konventioneller Oper. Trotzdem: würde man die Augen schliessen und nur der Musik und dem Gesang lauschen, meinte man, die Protagonisten stünden auf der Bühne des Luzerner Theaters. Nur «stehen» sie selten, sondern sie liegen, hängen in seltsamen Anzügen an Karabinerhaken, sind eingespannt in futuristische Weltallschaukeln und drehen sich um die eigene Achse, sie hängen mal kopfüber, mal von der Decke, schwimmen und tauchen in Aquarien, ohne dass dies ihre darstellerische Leistung in irgend einer Form beeinträchtigt. Zudem bewegen sie sich gesanglich in fliessenden Übergängen zwischen Barock, Romantik und Moderne, dies mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit.

Das ist aber nur eine Seite dieses Spektakels. Die zwei Stunden sind bis an den Rand gefüllt mit ungewohnten, faszinierenden, verstörenden, skurrilen Bildern, es passieren die verrücktesten Dinge vor den Augen der Zuschauer, so z.B. die Geschlechtsumwandlung von Faust zu Fausta durch eine geflügelte Chirurgin. Eingespannt in einer riesigen, gesteuerten Schaukel operiert sie zur ergreifend schönen Barock-Arie, auf einer sich rasend schnell drehenden Töpferscheibe erschafft Fausta neues Leben und beim Liebesakt vereint sie sich mit ihrem selbsterschaffenen Wesen mittels einer Art Melkmaschine zur Arie «Mon coeur s’ouvre à ta voix» von Saint-Saëns, umwerfend komisch und gleichzeitig unsäglich traurig und lieblos. Derweilen zirkulieren in den Zuschauerrängen getrocknete Apfelscheiben an dürren Ästen. Denn es werden alle Sinne angesprochen an diesem Abend und so sieht man sich immer wieder konfrontiert mit kleinen Köstlichkeiten, die sich teilweise im Gaumen so überraschend anfühlen wie die Szenen auf der Bühne für die Augen.

«Cantos de Sirena», das ist Oper, Spektakel, Kabarett, Zirkus und erinnert ab und zu an Karls Kühne Gassenschau. Es gibt Tanzeinlagen, Videoeinspielungen, die mechanischen Instrumente führen ihr Ballett auf und über dem Orchester schwebt eine grosse mechanische Hand, die das Geschehen dirigiert. Die Sängerinnen und Sänger, allen voran eine herausragende Marie-Luise Dressen als Fausta, beeindrucken und überzeugen, aber selten wird man sich so stark bewusst wie in dieser Produktion, dass das Ganze nur im Zusammenspiel funktionieren kann. Überzeugende Stimmen, Textsicherheit und choreografische Exaktheit alleine reichen nicht, hier muss jeder Handgriff sitzen, die Technik muss funktionieren, die Übergänge klappen, die Maschinen bedient werden, damit das Stück zu dem wird was es ist: ein unglaubliches Spektakel! So schnell wird man diesen Sirenengesang des Luzerner Theaters nicht vergessen!

Fotos: www.luzernertheater.ch

Kleine Fotodiashow von Ingo Höhn, luzerner Theater über diesen Link:

https://fotogalerien.wordpress.com/2015/01/09/luzerner-theater-cantos-de-sirena-musiktheater-von-la-fura-dels-baus/

www.innerschweizonline.ch

www.bochumer-zeitung.net

Homepages der andern Kolumnisten: www.marvinmueller.ch www.leonardwuest.ch
www.irenehubschmid.ch  http://beatricewuest.ch/ Paul Ott:www.literatur.li

 

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