Luzerner Theater: Dracula oder Frust der Unsterblichkeit, veröffentlicht auf www.innerschweizonline.ch und www.bochumer-zeitung.net

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Produktionsteam

Lia Schmieder Inszenierung
Viola Valsesia Bühne
Christian Schweizer Kostüme
Michel Barengo Musik
Carmen Bach Dramaturgie

Besetzung

Wiebke Kayser, Clemens Maria Riegler, Patrick Slanz

Dracula im UG

Eine theatralische Soirée

Er scheut das Tageslicht, Knoblauch und Kreuze. Er gilt als furchterregender Blutsauger, der den Menschen Lebenskraft aussaugt, um selbst unsterblich zu sein. Er ist aber auch ein sensibles Wesen, melancholischer Neurotiker, eine fragile Gestalt, aus der Zeit gefallene Kreatur und ein individualistischer Aussenseiter, der am Rande der Gesellschaft sein Schattendasein fristet. Interpretiert man seine Unsterblichkeit nicht als bedrohliche Überlegenheit, sondern als schwere Bürde, ist der Vampir vor allem als eine gequälte Seele zu bemitleiden. Denn ist die ewige Jugend wirklich so erstrebenswert?

Dracula oder der Frust der Unsterblichkeit, so heisst der letzte Teil der Trilogie zur Horrorliteratur im UG des Luzerner Theaters. Eine Horrorgeschichte ist es indes nicht, vielmehr hat das Stück etwas Bedrückendes, Beklemmendes und gleichzeitig Entrücktes an sich. Beim Betreten des Saals trifft der Besucher auf ein junges Paar auf einem kunstvoll drapierten dunkelroten Tuch, beide schwarz gekleidet, mit dunklen Brillen. Er liegt mit lässig verschränkten Armen da, sie liest ihm etwas vor aus einem Buch, im Hintergrund Edith Piafs la Vie en Rose und ein dumpfes Geräusch wie ein Herzschlag. Ein schönes Bild auf den ersten Blick, es hat etwas Kunstvolles an sich, etwas Künstliches auch. Eine dritte Figur tritt auf (Patrick Slanzi), diese viel präsenter, handfester, im Hier und Jetzt, während die anderen zwei in einer Art Zwischenwelt zu sein scheinen. Anhand von Texten diverser Schriftsteller wie Kierkegaard, Rousseau, Jelinek, Nietzsche sinnieren und philosophieren die drei über das Leben und Sterben, über die Ewigkeit, die Unsterblichkeit. Das Ganze kommt zwar ruhig daher aber nicht emotionslos. Wiebke Kayser haucht ihre Texte mehr als dass sie sie spricht, den Blick zu Boden gerichtet, oder ins Nichts, sie selber mehr Nichts als Geschöpf, kraftlos, halbblind, ihre Bewegungen leblos, beinahe sphärisch, als könnte sie sich jederzeit auflösen. Ganz stark die Szene, wo sie und Clemens-Maria Riegler sich wie verletzte Vögel in sanft-fliessenden Gesten umgarnen, Rieglers Spiel intensiv wie immer, aber mit einer anderen Dimension der Intensität.

Nein, da ist kein Horror, auch wenn Blut getrunken wird, auch wenn die zwei wie Fledermäuse von einer Stange hängen, auch wenn grausige Riten beschrieben und dunkle Mythen heraufbeschwört werden. Da ist eine gewisse Faszination und gleichzeitig ein gewisses Erbarmen, man wünscht sich für die beiden, sie würden erlöst von diesem kraft- und lustlosen Leben, erlöst von der Unsterblichkeit, die sich in dieser Form keiner wünschen kann. Aber wenn das Publikum den dunklen Ort des Geschehens verlässt, liegen die beiden wieder in ihrer Anfangspose auf dem roten Tuch, sie liest vor, er hört zu, bereit zur ewigen Wiederholung.

 

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