Grand Théâtre de Genève, Le convenienze ed inconvenienze teatrali VIVA LA MAMMA!

Grand Théâtre de Genève,Viva la Mamma Foto Carole Parodi

Produktion: Nouvelle production en coproduction avec l’Opéra national de Lyon et le Gran Teatre del Liceu de Barcelone
Direction musicaleGergely Madaras  Mise en scène & costumesLaurent Pelly    DécorsChantal Thomas   LumièresJoël Adam

Collaboration à la mise en scèneJulien Chavaz Collaboration aux costumesJean-Jacques Delmotte

Rezension:

Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi

Das Grand Theatre de Genève schenkt seinem Publikum eine amüsante, höchst unterhaltsame  Produktion zum Jahresende: «Le convenienze ed inconvenienze teatrali» (Viva la Mamma) von Gaetano Donizetti. Daniel Dollé hatte es in seiner Einführung versprochen (übrigens durchaus besuchenswert – Dollé macht diese Einführungen immer mit grosser Begeisterung, engagiert und fundiert),Tränen gebe es an diesem Abend höchstens vor Lachen.

Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi

«Viva la Mamma» ist eine Oper in der Oper, eine Parodie auf die Oper und die Geschichte dessen, was hinter den Kulissen abläuft: Es geht um Divengezicke und Tenorgehabe, um Eitelkeiten, Rivalitäten und Intrigen, dies zur wunderbar leichten Musik von Donizetti. Hintergründig geht es aber auch über die ungewisse Zukunft der Oper und somit auch vieler Theatersäle.

Chaos im Parkhaus

Der Vorhang ist noch nicht ganz offen da ertönen schon die ersten Lacher aus dem Publikum. Wir befinden uns in einem alten Theater, das zu einer Parkgarage umfunktioniert worden ist (Dekor Chantal Thomas). Die Bühne ist zugemauert, drei Autos stehen herum, eine junge Frau entsteigt ihrem türkisfarbenen Cinquecento und stöckelt mit unzähligen Einkaufstaschen zur Garage raus. Nun erscheinen die Sängerinnen und Sänger zur Probe der Oper «Romulus und Ersilia». Nur hat da so jeder seine eigene Idee, welchen Platz im Stück sie oder ihm zusteht, mit wem sie oder er singen will und generell wie das Stück daherkommen sollte. Da ist die Prima Donna Daria in ihrem schwarzen Etuikleid mit weissem Fellkragen und Fellhütchen (eine wunderbar agierende Patrizia Ciofi, herablassend, hochmütig, mit aber ab und an etwas belegter Stimme, vor allem im ersten Teil). Sie weigert sich, mit der Seconda Donna (Melody Louledjian) zu singen. Ihr sie bis zur Selbstaufgabe vergötternder Gatte Procolo (David Bizic) unterstützt sie in jeder Hinsicht. Der Kontertenor Pippetto (Katherine Aitken) ist nicht zufrieden mit seiner Arie und der Tenor Guglielmo (Luciano Botelho) möchte auf dem Plakat zuoberst erwähnt werden. Dirigent (Pietro die Bianco), Librettist (Enric Martínez-Castignani) Impresario (Péter Kálmán) und Theaterdirektor (Rodrigo Garcia) verzweifeln zusehends. Sie versuchen, die Gemüter zu besänftigen und etwas Ordnung in dieses Chaos zu bringen.

Mann als Frau als Mann…

Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi

Nun kommt auch noch Mamma Agata, die Mutter der Seconda Donna, eine wahre Erscheinung! Laurent Naouri spielt diese italienische Übermamma als wäre die Rolle für ihn geschrieben worden. Jetzt geht es erst richtig los: Mamma Agata, in geblümten Kleid mit grauer Strickjacke und schwarzer Lackhandtasche, übernimmt die Bühne und das Geschehen und begeistert von der ersten Sekunde an, pathetisch, dramatisch, überbordend. Wie Naouri mit seiner Stimme spielt, seine Gestik und Mimik, das  ist ganz grosses Kino. Die Arie über das Rondo, welches Mamma Agata für ihre Tochter fordert, ist an Komik kaum zu überbieten und erhält tosenden Szenenapplaus. Nun flieht auch noch der Kontertenor, Mamma Agata ersetzt ihn, eine sozusagen vierfache Travestie: ein Mann, der eine Frau darstellt, singt die Rolle des Kontertenors, der oft von einer Frau gesungen wird.

Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi

Der erste Teil der Geschichte endet damit, dass die Mauer auf der Bühne mit grossem Getöse, Flutlicht und Rauchschwaden durchbrochen wird, Dramatik pur, danach befinden sich alle im alten Theatersaal, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat.

Von Sardinen und Broccoli

Die Proben gehen weiter, das Chaos ebenfalls: Statisten stehen unbeholfen herum, fuchteln unkoordiniert mit Lanzen und lachen, wenn sie betreten sein sollten. Mamma Agata setzt zur Arie «Assisa a` piè d’un sacco» an, eine Parodie auf «Assisa a` piè d’un salice» aus Rossinis Othello, aber nicht bevor sie ihre Lacktasche mit auf die Bühne geholt hat. Im Clinch mit dem Souffleur, der nach mehr Abstand verlangt, surft sie in allen möglichen und unmöglichen Stimmlagen herum, ist mal gestenreich überbordend, mal verschämt verlegen, mal theatralisch ausladend, dann wieder bemüht weiblich. In Unkenntnis von Noten und Text singt sie von frittierten Sardinen und durchsichtigen Broccoli, da bleibt kein Auge mehr trocken, das ist grandios! Luigia, die Seconda Donna – anfänglich verlegen, zurückhaltend und peinlich genau den Regie-Anweisungen von Mamma Agata folgend – wird plötzlich immer mutiger und steigert sich schlussendlich in Armbewegungen, die man sich sonst von Schlagerstars gewohnt ist. Zu guter Letzt wird das Stück wegen mangelnder Finanzen abgesagt, die ganze Truppe macht sich aus dem Staub, ein Abbau-Trupp erscheint und macht sich daran, den Theatersaal mit Pressluft- und Abbruchhämmern abzubauen.

Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi

Regisseur Laurent Pelly zieht alle Register, Sängerinnen und Sänger folgen ihm mit grösstem Vergnügen, das Publikum ist begeistert: die Komik nimmt kein Ende, trotzdem verkommt der Abend nicht zum billigen Slapstick.

Das Sänger-Ensemble ist sehr homogen, durchwegs schöne, tragende Stimmen. Das Orchestre de Chambre de Genève unter Roberto Balistreri bringt die Leichtigkeit und Verspieltheit Donizettis wunderbar herüber und ist subtile und unterstützende Begleitung des Ensembles auf der Bühne. Ein wahrlich unglaublich vergnüglicher Abend!

Kleine Fotodiashow der Protagonisten und der Produktion von Carole Parodi:

fotogalerien.wordpress.com/2018/12/22/grand-theatre-de-geneve-le-convenienze-ed-inconvenienze-teatrali-viva-la-mamma-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

Fotos: www.geneveopera.ch

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